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NZZ - Wer flüssig sprechen kann ist kein Autist

Offizielles Statement von Autismus Kunterbunt an die NZZ

Betreff: Statement zum Interview „Jemand, der sich flüssig unterhalten kann, ist kein Autist“ (NZZ vom 06.06.2026)

Sehr geehrte Damen und Herren
Sehr geehrte Redaktion

Mit grossem Befremden und tiefer Sorge haben wir Ihr Interview mit dem Titel „Jemand, der sich flüssig unterhalten kann, ist kein Autist“ zur Kenntnis genommen. Als gemeinnütziger Verein Autismus Kunterbunt aus Basel vertreten und begleiten wir zahlreiche autistische Menschen und deren Angehörige. Die im Artikel geäusserten Ansichten widersprechen der gelebten Realität unserer Mitglieder und dem internationalen Forschungs- und Diagnosestand fundamental.

Wir möchten zu den Kernaussagen des Artikels auf Basis des aktuellen Wissensstands von 2026 wie folgt Stellung beziehen:
   • Ein anderes Betriebssystem statt einer Sprachstörung: Autismus ist keine Fehlfunktion der Sinne, sondern eine mechanische Ineffizienz bei der Reizweiterleitung und der neuronalen Filterung (eine „Open-Gate-Strategie“ des Gehirns). Es handelt sich um ein anderes neurologisches Betriebssystem. Die Annahme, dass Eloquenz Autismus ausschliesse, ignoriert den Kern des Spektrums. Wie der renommierte Autismus-Experte Dr. Tony Attwood in seinen Standardwerken (u. a. zum Asperger-Syndrom) umfassend belegt, sind hohe sprachliche Eloquenz und kognitive Höchstleistungen im Spektrum keine Ausnahme, sondern feste Bestandteile funktioneller Profile.

   • Die wissenschaftlich belegte „Masking-Falle“: Wenn autistische Menschen sich flüssig unterhalten, ist das kein Gegenbeweis für Autismus, sondern das Resultat von Masking (Kompensation). Diese bewusste kognitive Schwerstarbeit verbraucht nachweislich viermal mehr Energie als die intuitive Kommunikation neurotypischer Menschen. Aktuelle Studien, wie jene der Forschungsgruppe um Dr. Sarah Cassidy (Cassidy et al.), zeigen eindrücklich das unsichtbare Leid dahinter: Extremes Camouflaging und der immense Druck des Maskings sind statistisch die stärksten Prädiktoren für eine massiv erhöhte Suizidalität und chronische Erschöpfung (Autistic Burnout) bei Autisten ohne kognitive Beeinträchtigung.

   • Asynchronität und die Reifungsverzögerung nach Barkley: Dass Betroffene sprachlich und intellektuell hochentwickelt klingen, im sozialen Bereich aber an ihre Grenzen stossen, lässt sich entwicklungsbiologisch exakt begründen. Der weltweit führende Experte für exekutive Funktionen, Prof. Dr. Russell Barkley, beschreibt bei neurodivergenten Profilen eine Verzögerung der Selbstregulation und Impulskontrolle von etwa 30% gegenüber dem biologischen Alter. In der Praxis führt dies zu einer „4-Jahres-Schere“: Ein 15 jähriger Teenager agiert kognitiv vielleicht wie ein 19-Jähriger, verfügt unter sozialem Stress jedoch nur über die Regulationsfähigkeit eines 10- bis 11-Jährigen. Wer die Diagnose rein an der sprachlichen Oberfläche misst, ignoriert diese biologische Asynchronität vollständig.

   • Strukturelle Exklusion durch Fehlaufklärung: Wenn ein Leitmedium wie die NZZ veraltete Stereotypen reproduziert, befeuert dies das, was wir als strukturelles Mobbing bezeichnen. Angesichts internationaler Daten, wie den Erhebungen der US-Gesundheitsbehörde CDC (2023), die eine Prävalenz von 2,8% ausweisen, sprechen wir allein in Basel-Stadt von fast 5'700 Betroffenen. Ihnen aufgrund oberflächlicher Anpassung die Identität und notwendige „Rampen für den Kopf“ (Nachteilsausgleiche, Anpassungen im Alltag) abzusprechen, ist brandgefährlich.

Ein zeitgemässer Journalismus sollte die biologische und gesellschaftliche Realität abbilden, anstatt Betroffene zugunsten von plakativen Überschriften unsichtbar zu machen. Wir fordern die NZZ daher auf, dem Autismus-Spektrum künftig mit der notwendigen wissenschaftlichen Differenzierung zu begegnen.

Für einen fachlichen Austausch auf Augenhöhe stehen wir Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüssen
Pascal-Stephan Imholz
Autismus Kunterbunt
Präsident
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